Rhetoriker, Poet, Theaterpädagoge, Martin Drebs

und  „ Unser Dorf liest“ sind inzwischen für Bordenau zu einer festen Einrichtung, ja zu einer Institution geworden. Der 3.Oktober eines jeden Jahres kann eigentlich schon fest im Jahreskalender als Aufführungstag einer szenischen Lesung stehen. Von der ersten Lesung 1998, E.M. Remarque „Im Westen nichts Neues“, 2008 Shakespear,  Querschnitt aus 4 Stücken zur Auswahl für 2009, gewählt wurde „Viel Lärm um Nichts.“  Ein Höhepunkt im Jahr 2000: „ Faust Teil I u. II in 15 Stunden.“

Aktiv in vielen anderen kulturellen Bereichen, in Bordenau, im Neustädter Land, in der Region.

Ausgezeichnet für die  „Weiterführung , Nachwirkung und Nachhaltigkeit“  seiner Tätigkeit.

  Klaus Detering, Martin Drebs, Dr. Werner Besier,
(von links), Fotos(4): Patricia Chadde

Lobrede auf Martin Drebs, Förderpreisträger der Stiftung Bordenau 2005

Vorgetragen von Dr. Werner Besier und Klaus Detering auf dem Stiftungsfest am 23.9.2005
Werner: Guten Abend, meine Damen und Herren. Mein Name ist Werner Besier.
Klaus Detering und ich haben uns verabredet, Ihnen den Förderpreisträger 2005 bekanntzumachen und zu begründen, warum er ihn – wie wir meinen sehr zu Recht – nach Beschluss des Vorstands der Stiftung Bordenau erhält.
Aber, Klaus, was steht eigentlich in der Satzung dazu, wer kann den Förderpreis bekommen?Klaus: Also hier kommt § 2 Punkt 1b in Betracht, wo es heißt: „Zweck der Stiftung ist: die Vergabe eines Förderpreises für besondere Leistungen im Sinne des Stiftungszwecks.“ Und der wird zuvor in Punkt 1a definiert.
Werner: Aha, die Stiftung bezieht sich also auf sich selbst. Welche Passagen kommen denn nun konkret für unseren Preisträger in Betracht?

Klaus: Es handelt sich sicher um die Förderung von kulturellen Unternehmungen in Bordenau. Diese Unternehmungen sollen laut Satzung einen kreativen, kommunikativen und friedensfördernden Charakter haben. Es geht dabei um Projekte und Initiativen, die dem Dorf in besonderem Maße dienen.
Dieser Zweck soll übrigens durch individuelle und kollektive Vorhaben realisiert werden, heißt es in § 2 Punkt 2.

Werner: Dann stellt sich mir die Frage, ob unser Preisträger geehrt wird für eher individuelle oder eher kollektive Vorhaben, oder für beides. Mit anderen Worten: Sind die Leistungen von ihm allein erbracht, arbeitet er mit anderen zusammen, hat er eine stark dominierende Position, ist er primus inter pares, ist er ein demokratischer Leiter, der den Willen/das Wollen der Beteiligten zusammenführt oder ist er ein diktatorischer Intendant?

Klaus: Ich meine, er ist zweifellos ein demokratischer Leiter, der mit Einfühlungsvermögen, Intelligenz und durch geschickte Motivation agiert. Er schöpft dabei aus seinem enormen Fundus an kulturellen Kompetenzen und Kenntnissen, die in der Tat kreativ sind und viel mit versöhnender Kommunikation zu tun haben.

Werner: Wir sollten auf die Begriffe Kunst und Kultur noch einmal zurückkommen. Aber zunächst müssen wir den Lebenslauf des Preisträgers einmal kurz schildern.

Klaus: Also, er wurde in Düsseldorf geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er absolvierte eine vollständige Ausbildung als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte. Außerdem ist er ausgebildeter Buchhändler, Theaterpädagoge und Volkshochschuldozent. Und noch einiges mehr, wie wir seiner Internetseite bei Bordenau.de entnehmen können. Sich selbst nennt er gelegentlich Universaldilettant.

Klaus Detering                                      Dr. Werner Besier
Werner: Ist das Koketterie oder ernst gemeint? Unser Preisträger neigt ja gelegentlich zu Übertreibungen, einem Stilmittel von Satire und Karikatur, aber sicher nur um uns Bordenauern kosmopolitischen Mut zuzusprechen. In dem Wort „universal“ steckt doch ein weltumspannender Anspruch. Es gab und gibt, glaube ich, unter Philosophen eine Debatte darüber, in wie weit die Menschenrechte in der Tradition der Französischen Revolution bis hin zur Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen tatsächlich für die ganze Welt gelten oder ob sie nicht doch nur auf den Westen beschränkt sind. Islamische und asiatische Kulturen hätten dann zu Recht eine andere Art von Menschenrechten.

Klaus: Es handelt sich um ein wirklich raffiniertes Wort: Universal-Dilettant. Während der erste Teil des Wortes den hohen Anspruch ausdrückt, den du eben geschildert hast, scheint der zweite nur aus Bescheidenheit zu bestehen. Aber Vorsicht! Auch der Begriff Dilettant ist doppeldeutig: Einerseits bedeutet er Halbwisser ohne fachmännische Schulung, Laie, der sich der oberflächlichen Spielerei hingibt, andererseits aber Liebhaber der Kunst. Und ein Liebhaber des Schönen ist unser Preisträger allemal. Er ist aber auch schon längst kein Laie mehr, war es wohl von Anfang an nicht. Nein, er hat zu seinen amtlich bescheinigten Qualifikationen durch Selbststudium weitere, geradezu meisterliche hinzugefügt.

Werner: Klaus, du hast gerade den diesjährigen Preisträger als Liebhaber des Schönen bezeichnet. Ich möchte ihn aber auch als Liebhaber des Guten und des Wahren sehen und zwar in dieser Reihenfolge. Die klassische Widmung an die Kunst stellt er um: Es heißt bei unserem Preisträger nicht „dem Wahren, Schönen, Guten“, sondern offensichtlich „dem Schönen, Guten, Wahren“. Daran ist etwas Postmodernes, nicht wahr?

Klaus: Diese kreative Veränderung der Reihenfolge mag ja zutreffen. Aber warum soll die Suche nach dem Schönen nicht an erster Stelle stehen? Doch das muss letztlich jeder für sich entscheiden.

Werner: Oh! Das wäre ja auch postmodern. Wenn man durch seriöse Analyse nicht mehr zu einem nachvollziehbaren, gültigen und verbindlichen Ergebnis käme, das durch den objektiven Gegenstand gerechtfertigt wird. „… es liegt soviel Nebel heute, überall. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich dieser Nebel lichten könnte.“ (Habermas, Neue Unübersichtlichkeit S.208).

Klaus: Unser verehrter Preisträger ist ja weniger Analytiker als viel mehr Präsentator. Er inszeniert und präsentiert zumeist literarische Kunst. Seit 1997 leitet er das Projekt „Bordenau – Unser Dorf liest“, das mit Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ begann und 1998 mit „Im Westen Nichts Neues“ von Erich Maria Remarque die erste Marathon-Lesung in Bordenau veranstaltete. Es schloss sich im Jahre 2000 die über 13stündige Faust-Lesung mit über 70 Mitwirkenden an, unter Ihnen der ehemalige Schauspieler und Theaterdirektor Alexander May. Am 3. Oktober 2001 wurde in Ehlers Scheune Heinrich Heines „Deutschland – ein Wintermärchen“ vorgelesen, und am Nationalfeiertag 2002 folgte die „Vielstimmigkeit der Deutschen – Eine Erlesene Revue“, in der auch Bordenauer Vereine mitwirkten. In 2003 sahen wir die aufwändige Inszenierung der Novelle „Im Krebsgang“ von Günter Grass und schließlich 2004 die Lesung „Der Zimmerspringbrunnen“ von und mit Jens Sparschuh.

Werner: Eine enorme Leistung mit viel Durchhaltevermögen auch und immer fröhlicher Unverzagtheit. Dabei sind die von dir genannten nur die Hauptprojekte. Daneben gab und gibt es noch zahlreiche kleinere Projekte und solche, die außerhalb Bordenaus stattfinden. Das Ziel des Projekts „Unser Dorf liest“ ist ja, „möglichst viele Menschen wieder für das Lesen zu begeistern und stärker in das kulturelle Leben im Dorf einzubinden. Mit Autorenlesungen und in Arbeitsgruppen soll darüber hinaus das Interesse am Lesen und am Umsetzen gelesener Texte gefördert werden.“
Unser Preisträger verfolgt aber auch durch Symbolik die Bedeutung seiner kulturellen Unternehmungen deutlich zu machen. Es fällt auf, dass für die ersten Vorträge Scharnhorsts Geburtstag, der 12. November, ausgewählt wurde, für die späteren der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober.
Und weiterhin ist nicht zu übersehen, dass eine sehr große Toleranzbreite akzeptiert wird, die mir gelegentlich schon problematisch erscheint. Denn Toleranz gegenüber der Intoleranz wäre doch paradox, oder? Aber unser Preisträger liebt eben die Freiheit sehr.

Klaus: Das tut er sicher. Von den kleineren Unternehmungen sollten wir noch einige erwähnen.
Die „Kurze Nacht der Poesie“ im ROMA, die Lesungen mit Frauke Hohberger und Peter Mürmann („Kino der Liebenden“, „Die Glut“), die Lesung von Texten aus der Genesis im „Jahr der Bibel 2003“ zusammen mit der Kirchengemeinde, der unvergessliche Rap-Abend im Gemeindehaus unter dem Motto “Hiphop – Fremde Kulturen im eigenen Land“ mit der Gestaltung eines Graffitis für die Bordenauer Brücke, Gedichte von Ingeborg Bachmann als multimediales Erlebnis, gedruckt von Peter Marggraf, die Organisation Literarischer Busreisen nach Lübeck, Leipzig und Weimar, die Lesung von Weihnachtsgeschichten in der Kirche, die Frühlingsblumen-Literatur in der „Bordenauer Blüte“, die Video-Vorführung von „Romeo und Julia“ für Jugendliche im Dorfgemeinschaftshaus, die Rezitation von Feldpostbriefen Scharnhorsts an seine Frau Klara in Bordenau, Lesen im Internet für die Ferienpass-Kinder und vieles, vieles mehr.

Aber unser Preisträger inszeniert nicht nur Lesungen, er schreibt auch selbst und zusammen mit anderen. Die sechs Autoren der Schreibwerkstatt haben unlängst ihr erstes gemeinsames Buch herausgebracht. „Melissa lernt fliegen“ ist die Geschichte eines autistischen Mädchens. Und in der Neustädter Zeitung verfasst unser Preisträger seit 1997 eine Kolumne. Manchmal ist sie voller Poesie, oft gefüllt mit Informationen aus Kunst und Kultur, und jede Woche wieder auf eine eigene Art kurzweilig und belebend. Sie ist die glitzernde Perle zwischen den Nachrichtenspalten.

Martin Drebs

Werner: Ja, wir sehen, dass der zu Lobende den Garbsener Bürgermeister widerlegt, der einmal meinte, ohne Stadt gebe es keine Kultur. Kultur heißt ursprünglich Bodenbewirtschaftung, also dem Dorf doch nah; Adalbert Stifter bringt es vielleicht auf den Punkt, wenn er feststellt, dass die Natur, die man zu Freundlicherem zügeln und zähmen kann, das Schönste sei, das es auf Erden gibt. Und das tut der Förderpreisträger 2005, er pflegt die geistigen Güter Bordenaus in Freiheit. Denn Freiheit braucht Kultur.

Ich glaube, unser verehrter Preisträger will einfach Kultur für alle im Dorf präsentieren, die verschiedensten Gruppen integrieren in einem kommunikativen Prozess des freundlichen Miteinanders, in dem sich wahrhaftige Erkenntnis am Ende dann ergibt. Um einen Gedanken von Habermas aufzunehmen: Formen des Zusammenlebens finden, in denen wirklich Autonomie und Abhängigkeit des Einzelnen in ein befriedetes Verhältnis treten; dass man aufrecht gehen kann in einer Gemeinsamkeit, die nicht die Fragwürdigkeit rückwärtsgewandter Gemeinschaftlichkeit an sich hat. (S.202) „Diese Freundlichkeit schließt nicht etwa den Konflikt aus; was sie meint, sind die humanen Formen, in denen man Konflikte überleben kann.“ (S.203)
Trägt unser Preisträger Konflikte aus oder meidet er sie?

Klaus: Ich denke, hier spielt auch das Moment der Zumutbarkeit eine Rolle. Was kann und will er sich und seinen Mitwirkenden an Belastung zumuten. Man muss ja selbst emotional berührt sein bei dem, was man sich erarbeitet. Mit jedem individuellen Lernprozess wachsen Wissen und Einsicht. Und die Menschen, die aus unterschiedlichsten Lebenssituationen heraus zu Mitwirkenden werden, gewinnen dabei an Kraft und Mut.
Und, wie wir schon erwähnt haben, ist der zu Lobende ein Präsentator, der doch auch den expressiven Charakter der Kunst hat, nicht den analytischen der Wissenschaft.

Werner: Ja, und Kunst ist Stil, Form, vielleicht Wunscherfüllung, erregt vielleicht
interesseloses Wohlgefallen, sperrt sich sonst der Festlegung. Aber Kunst ist auch Wahrheit, die nicht beliebig sein kann. Anything Goes geht dann nicht. Und da möchte ich anmerken, dass unser Preisträger mir manchmal doch etwas zu großzügig das Mögliche zulässt. Umgekehrt hätte „Die Vielstimmigkeit der Deutschen“ vielleicht auch Paul Celans „Todesfuge“ noch vertragen können.
Bin ich zu unrecht besorgt, dass gelegentlich Texte, deren humanistischer Gehalt nicht erkennbar ist, zu unkritisch präsentiert werden?

Klaus: Es gibt, denke ich, auf der Suche nach der Wahrheit immer drei Meinungen: die eigene, die des anderen, und eine dritte – nämlich die richtige. Man kann also nur versuchen, durch nachvollziehbare Argumente zu überzeugen. Und dazu braucht es Freiheit, Respekt und eine humanistische Grundhaltung. Das alles findest du bei unserem diesjährigen Preisträger.

Werner: Das ist absolut richtig und das schätze ich sehr an ihm.
Übrigens, um der (Wort)spielerei der Postmoderne Tribut zu zollen: Wusstest du eigentlich, dass an der Hofausfahrt unseres Preisträgers im Burgsteller Weg das folgende ihn und seine Mitbewohner wohl charakterisierende Anagramm angebracht ist? Dort heißt es nicht: Ausfahrt freihalten, sondern: FREIHEIT AUSHALTEN!

Klaus: Stimmt, und ich freue mich immer darüber, wenn ich daran vorbeigehe oder dorthin komme. Denn dort wohnt unser Preisträger.

Klaus und Werner:
Es ist MARTIN DREBS